Darf Heimat eine Aufgabe für Politik sein?

Thierse zur Heimat
Thierse zur Heimat

Dr.hc. Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a. D.

W. Thierse befasste sich in seinem Vortrag mit den Herausforderungen, vor die sich unsere Gesellschaft angesichts der Globalisierung, Digitalisierung und der weltweiten Flüchtlingsströme gestellt sieht. In diesem Zusammenhang setzte er sich kritisch mit dem Begriff „Heimat“ auseinander.

Heimat als politischer Kampfbegriff

Heimat als Menschenrecht würde aktuell sehr kontrovers diskutiert und sei durchaus umstritten. Einmal sei Heimat eine Form sentimentaler Selbstverortung und damit ein politischer Begriff der Aus- und Abgrenzung, wie sie etwa von rechtsextremen und -radikalen Populisten zur Schürung von Ängsten vor „Überfremdung“ genutzt würden. Von Seiten der Immigranten würde moniert, „ihr macht eure Heimat zu eurer Privatsache auf unsere Kosten“!
Dann sind da noch die kosmopolitischen, gebildeten Eliten, die den Begriff lieber durch den der Solidarität ersetzt sehen würden und ihn als Relikt einer Blut- und Bodenideologie ansehen. Im Blick auf unsere Geschichte und angesichts der kulturellen Wirklichkeit muss diese scharfe Ablehnung als arrogant betrachtet und der Kampf um die Begriffe muss von uns angenommen werden!

Heimatgefühle und Verlustängste bei den Deutschen

Eine aktuelle Allensbacher Umfrage habe ergeben, dass ein Großteil der Deutschen Bevölkerung (zw. 70 und 80%) sagt, es gehe ihr gut. Zudem kann sie sich mit dem Begriff Heimat identifizieren und verbindet damit Kindheit, Freunde, Familie, alte Zeiten , Geborgenheit; Spießigkeit und Enge verbinden mit Heimat hingegen nur knapp 20%. Andererseits fürchtet ein ebenso großer Teil der Bevölkerung den Verlust derselben durch Überfremdung.
Der Begriff Heimat ist also, so Thierse, kein Begriff für rechts, keine Frage der parteipolitischen Orientierung! Denn wir haben eine durchaus positive sozial-ökonomische Gegenwartsdiagnose verbunden mit dramatischen Zukunftsängsten. Dass die im Osten der Republik gravierender sind als im Westen, ist leicht nachzuvollziehen. Haben diese Menschen doch in den letzten 30 Jahren schmerzhafte Umbrüche durchstehen müssen. Und jetzt, wo man vielleicht beginnen könnte, sich in dieser neuen Gesellschaft tatsächlich „heimisch“ fühlen zu können, droht durch die Globalisierung, was ja Entgrenzung bedeutet, und die Flüchtlingskrise Heimatverlust und Verteilungskampf! Kulturelle Entheimatungsängste sind davon eine Folge.

Weshalb diese heftigen politischen Auseinandersetzungen darüber?

Man kann solche Ängste instrumentalisieren oder sie ernst nehmen. Thierse sagt: Etwas wird wichtig, wenn es nicht mehr selbstverständlich ist!

Bekenntnis zum Heimatbegriff

Er bekenne sich durchaus zu diesem Begriff, aber unter bestimmten Voraussetzungen, nämlich der individuellen und kollektiven Vergewisserung und Versicherung gemeinsamer kultureller Vorstellungen und Überzeugungen. Grundlage dafür, dass sich ein Mensch beheimatet fühlt, seien ein Dach über dem Kopf (Grundrecht auf Wohnen), Arbeit (Grundrecht), die ein würdiges Auskommen und soziale Teilhabe garantiert, soziale Anerkennung der eigenen Leistung und Eingebundensein in die Gemeinschaft.

Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Darüber hinaus gebe es aber auch noch immaterielle Bedingungen  für dieses Gefühl, beheimatet zu sein, nämlich Werte und Normen, ethische Regeln des persönlichen individuellen Umgangs miteinander! Respekt und Rücksichtsnahme, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, Empathie und Verantwortung, Freiheit und Gerechtigkeit. Dies alles resultiere schon aus Artikel 1. unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dies sei ein unveräußerliches Grundrecht, das für jeden Menschen gelte und für die kulturelle Prägung der Individuen in unserer Gesellschaft konstitutiv ist.

Offene, pluralistische Gesellschaft versus Wohlstandsnationalismus

Daraus ergebe sich eine doppelte Perspektive: Menschen, die zu uns gekommen sind, sollen heimisch werden, den Einheimischen soll das Land heimisch bleiben! Was bedeutet das für die Integration und ein gemeinsames Zusammenleben? Dabei stehen sich eine Vision einer homogenen geschlossenen Gesellschaft – ein Wohlstadsnationalismus und Wohlstandschauvinismus – oder alternativ eine offene, pluralistische Gesellschaft mit hohem Konfliktpotenzial gegenbüber! Letzteres erfordert aber auch eine gegenseitige Verpflichtung auf die Grundwerte unserer Verfassung, diese dürfen nicht zur Disposition stehen!

Christentum und Aufklärung als Fundament unserer Kultur

Das erfordert aber auch Anforderungen an die Integrationswilligen zu stellen, z.B. die deutsche Sprache zu lernen, Arbeit zu finden, aber auch, sich der eigenen und fremden Erinnerungskultur zu stellen (beispielsweise Holocaust) sowie die kulturellen Prägungen in einer Tradition des Christentums und der Aufklärung zu akzeptieren. Dabei lässt sich Heimat nicht verordnen, vielmehr handelt es sich um einen permanenten Prozess für jedes gesellschaftliche Individuum mit ihren jeweiligen unterschiedlichen persönlichen und kulturellen Erfahrungen. Heimat sei ein Begriff, den man besser im Plural verwendet, also „Heimaten“ oder, um den Aspekt des Prozesses zu betonen, als „Beheimatung“.

Politische „Beheimatung“

Erst jetzt, so Thierse, wenn der individuelle Beheimatungsprozess längst begonnen hat, kommt, sehr zurückhaltend und vorsichtig, der politische Beheimatungsprozess ins Spiel. Aber nicht im Sinne von Ab- und Ausgrenzung, sonder im Sinne von Unterstützung des Gelingens und der individuellen Bemühungen: Schutz der Familie, Geborgenheit, Bedeutung sozialer Netzwerke, Daseinsfürsorge (arbeitslos macht heimatlos), Sicherung öffentlicher Räume, Partizipation an Bildungs- und Kulturpolitik, Schutz des Rechts auf Identität auch mit anderer kultureller Geschichte und Erinnerungskultur, aber offen für den Dialog und unter Wahrung des Respekts vor dem Anderssein! 

Frosch auf Reisen
Frosch auf Reisen (Pixabay)
Fazit

Beheimatungspolitik muss das Bewusstsein vermitteln, dass Heimat ein hohes Gut und ein hoher Anspruch ist und sich gegen jegliche völkische Abgrenzung richtet!

1 Kommentar

  1. Ich denke Herr Thierse hat recht. Heimat ist kein politisches Thema, sondern es sind ganz besondere persönliche Erfahrungen und Bezüge zu Orten und Personen im Leben eines Menschen. Heimat ist für mich der Ort an dem ich mich zuhause fühle.

    Heimat und Beheimatung könnte einmal ein Thema im klassischen Lerncafé sein.

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